Es gibt nur wenige mit Arsch in der Hose

Ich arbeite in einem Call-Center mit rund 150 Mitarbeitern. Wir arbeiten vor allem im Auftrag von Versandhäusern, nehmen Bestellungen aus dem Katalog entgegen. Ich kümmere mich zusätzlich auch um Reklamationen. Das Üble ist: Wir werden pro bearbeiteten Anruf bezahlt. Für ein normales Telefonat bekomme ich 40 Cent bezahlt, für einen Kundendienst-Anruf werden 52 Cent abgerechnet.

Das bedeutet, dass wir mindestens 20 Telefonate die Stunde führen müssen, um ein einigermaßen existenzsicherndes Einkommen zu erzielen. Wegen der Dauer der Gespräche ist das aber oft nicht möglich. Und wenn niemand anruft, sitzen wir unbezahlt am Arbeitsplatz. Ich finde, das ist Ausbeutung.

Anfangs habe ich acht Stunden am Tag gearbeitet. Aber acht Stunden lang 20 Telefonate die Stunde und mehr schaffst du nicht. Inzwischen habe ich meine Arbeitszeit auf fünf Stunden reduziert. Die arbeite ich ohne Pause. Danach bin ich platt. Ständig stehst du unter dem Druck, die Gespräche schnell zu beenden, um auf einen einigermaßen anständigen Lohn zu kommen. Und wenn du das nicht schaffst, etwa weil eine ältere Dame am anderen Ende der Leitung ist, die ein bisschen länger braucht, springt auf dem Bildschirm ein Fenster auf mit der Warnung: „Achte auf deine Gesprächszeit!“ Immer wieder bekommen wir Testanrufe, und wenn der Auftraggeber mit unserer Arbeit nicht zufrieden ist, bekommt das Call-Center weniger Anrufe zugeleitet, zur Strafe.

Ich habe den Job über eine Zeitarbeitsfirma bekommen. Das erste halbe Jahr stand ich bei der unter Vertrag und bekam einen festen Stundenlohn von 8,50 Euro. Da bin ich noch mit 1100 Euro netto nach Hause gegangen und hatte mein Auskommen. Dann hieß es eines Tages: „Entweder du wechselst zum Call-Center, oder du verlierst deinen Job!“ Statt des festen Stundenlohns gab es nun Akkordlohn. „20 Anrufe schaffst du locker, und dann kommst du auf das gleiche Geld“, hat mein neuer Chef mir gesagt. Immer noch besser als arbeitslos zu sein, dachte ich mir.

Normalerweise arbeiten wir zwölf Tage am Stück und bekommen dann ein Wochenende frei. Trotzdem müssen die meisten wie ich auch zum Amt gehen und aufstocken. Nur ganz wenige kommen auf 1000 Euro im Monat. Das sind die, die sofort den Hörer auflegen, wenn ein Neukunde anruft, weil bei dem allein die Datenerfassung eineinhalb Minuten dauert. Und die das Gespräch sofort beenden, wenn ein alter Mensch am Telefon ist. Weil solche Anrufe den Schnitt kaputtmachen. Aber so etwas mache ich nicht.

Neulich wollte eine Kollegin einen Betriebsrat gründen. Ihr wurde ganz schnell gekündigt. Der Chef hat neulich auf einer Betriebsversammlung gesagt: „Wenn ihr einen Betriebsrat gründet, wird die Niederlassung geschlossen.“ Die meisten glauben ihm das. Das Problem ist: Es gibt einfach zu wenig Leute mit Arsch in der Hose dort.

Ich bin innerlich auf dem Absprung. Ich suche schon seit langem Arbeit im kaufmännischen Bereich, am liebsten bei einer Versicherung. Ich habe kaufmännische Angestellte gelernt und acht Jahre lang im Innendienst gearbeitet, kenne mich also aus. Aber Jobs werden nur im Vertrieb angeboten, und das möchte ich nicht mehr machen. Das habe ich zwei Jahre lang versucht – und nur vor verschlossenen Türen gestanden.

Sabrina Decker (39) (Name geändert), Call-Center-Mitarbeiterin in Baden-Württemberg