Es ist zum Heulen

Mein größter Wunsch ist, dass ich nicht mehr vom Amt abhängig sein muss. Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und arbeite 30 Stunden die Woche als Zimmermädchen in einem Hotel. Der Lohn: 600 Euro im Monat. Das sind 4,44 Euro die Stunde. Ausbezahlt bekomme ich 497,23 Euro. Es ist zum Heulen. Wenn ich meinen Chef frage, wie ich davon leben soll, sagt er: „Das ist ein normaler Stundenlohn. Andere bekommen auch nicht mehr!“ Ich habe mich in einigen anderen Hotels beworben in der Hoffnung, dass ich dort besser verdienen könnte. Leider muss ich sagen: Mein Chef hat recht. Die zahlen alle so schlecht.

Gelernt habe ich Bäckereifachverkäuferin. Aber in diesem Beruf kann ich nicht mehr arbeiten, Schichtdienst mit Kindern ist einfach nicht möglich. Ansonsten gibt es bei uns in der Gegend noch eine Fabrik, die Leute sucht. Aber die arbeiten in drei Schichten, das geht also auch nicht. Meine Kolleginnen im Hotel sind genauso beschissen dran wie ich, die müssen auch Hartz IV beantragen. Oder sie haben das Glück, dass sie einen Mann haben, der besser verdient.

Meine Kinder merken das schon, dass das Geld knapp bei uns ist, vor allem Ende des Monats. Dann fragen sie: „Warum gibt es keine Schokolade?“ Oder: „Warum bekomme ich keine neuen Schuhe?“ Dann muss ich ihnen sagen, dass sie warten müssen, bis der neue Monat anfängt. Bei der Siebenjährigen kann man das noch ganz gut überspielen. Aber die 13-Jährige, die merkt das ständig. Wenn sie auf Klassenfahrt geht, kann ich ihr eben nicht so viel Taschengeld mitgeben wie andere. Ich habe dann voll das schlechte Gewissen. Aber was soll ich machen? Diesen Sommer kommt meine Kleine in die Schule. Wovon ich Ranzen und den Inhalt der Schultüte bezahlen soll, weiß ich nicht.

Neulich kam der Chef mit einem neuen Arbeitsvertrag zu uns, den wir unterschreiben sollten. Das Gesetz habe sich geändert, hat er gesagt. Deshalb will er den Monatslohn im Vertrag auf 500 Euro senken und 100 Euro als Überstundenpauschale draufzahlen. Wir machen nämlich jeden Tag ein bis zwei unbezahlte Überstunden. Wir haben nicht unterschrieben. Dann wird unser Stundenlohn ja noch geringer!

1200 Euro brutto im Monat fände ich angemessen für meine Arbeit. Dann würde ich soviel verdienen, dass ich nicht mehr zum Amt gehen müsste – und das ist das Mindeste, finde ich.

Simone Rudolf (34) (Name geändert), Reinigungskraft in einem Hotel in Sachsen-Anhalt