Das sind Raubritter-Methoden

Meine Frau stammt aus einem anderen Land, deshalb hat sie es bei der Jobsuche nicht leicht – obwohl sie studiert hat und inzwischen gut Deutsch spricht. Sie möchte gerne arbeiten, unter Leute kommen. Als eine Bekannte sie eines Tages fragte, ob sie nicht Lust habe, in einem Geschäft für Kinderbekleidung auszuhelfen, war sie deshalb begeistert. Es ging um einen Mini-Job: 20 Stunden die Woche, 400 Euro im Monat (die Geschichte ereignete sich vergangenes Jahr). Das hätte einen Stundenlohn von 5 Euro bedeutet – verdammt wenig.

Meine Frau war dennoch zufrieden, die Arbeit machte ihr Spaß. Merkwürdig war nur, dass sie fast jeden Tag ins Geschäft kommen sollte. „Kannst du eigentlich auch am Wochenende?“, fragte die Filialleiterin schon nach wenigen Tagen. Oder: „Wie sieht es bei dir nächste Woche aus? Kannst du da mal vier Tage hintereinander arbeiten?“ Nach einer Woche fragte ich meine Frau, ob sie eigentlich schon einen Arbeitsvertrag bekommen habe. „Nein“, sagte sie. Nach zwei Wochen und wiederholten Nachfragen kam immerhin eine Bestätigung, dass sie bei der Minijob-Zentrale angemeldet und damit versichert war.

Nach einem Monat hatte meine Frau statt der vereinbarten 80 schon 120 Stunden gearbeitet. Einen Arbeitsvertrag hatte sie immer noch nicht erhalten, eine Lohnabrechnung auch nicht. Wir riefen bei der Buchhaltung des Arbeitgebers an. „Hat man Ihnen nicht gesagt, dass das erste Gehalt erst acht Wochen nach Arbeitsbeginn überwiesen wird?“, war die Antwort auf unsere Frage nach dem Geld. Nach einigem Drängen kam endlich der Arbeitsvertrag mit der Post. „Die Arbeitszeit beträgt höchstens 80 Stunden im Monat. Überstunden werden auf den Folgemonat übertragen“, hieß es darin.

Nach drei Monaten hatte meine Frau sage und schreibe 150 Überstunden angesammelt. Ich drängte meine Frau zu erneuten Nachfragen in der Zentrale: Wie stellte sich der Arbeitgeber das eigentlich vor? Eine Bezirksleiterin teilte uns telefonisch mit: „Wir können keine Überstunden auszahlen, nur ausgleichen. Aber überlegen Sie sich, was Sie tun.“ Wenige Tage später flatterte meiner Frau die Kündigung ins Haus. Später erzählte uns die Filialleiterin, dass wir aus Sicht der Zentrale „zuviel gemeckert“ hätten. Die letzten 400 Euro bekam meine Frau übrigens vier Monate nach der Kündigung überwiesen…

Ich finde die Praxis dieses Arbeitgebers unverschämt. Das sind Raubritter-Methoden! Da werden Menschen zu den Bedingungen von Aushilfen eingestellt - und dann beutet man ihre Arbeitskraft gnadenlos aus. Ich hätte diese Firma gerne angezeigt, weil ich nicht glaube, dass diese Praxis rechtens ist. Aber meine Frau wollte das nicht. Und das ist das Problem: Die meisten Betroffenen halten still und lassen sich ausnutzen.

Simon Hain über die Erfahrungen seiner Ehefrau Natascha (40) (Namen geändert), Verkäuferin in Hessen