Man geht mit seinen Ansprüchen zwangsläufig runter

Ich suche seit sechs Monaten eine Arbeit. Ich bin gelernte Bürokauffrau mit 20 Jahren Berufserfahrung. Aber was mir angeboten wird, das geht gar nicht. Neulich war bei einem Vorstellungsgespräch bei einer Firma, die osteuropäische Arbeiter auf deutsche Schlachthöfe vermittelt. Das Angebot lautete: 1250 Euro brutto für einen Vollzeitjob und ein auf ein Jahr befristeter Arbeitsvertrag, davon sechs Monate Probezeit. Das bedeutet einen Stundenlohn von 7,21 Euro. Ich habe abgesagt. Ich finde, man sollte von einem Vollzeitjob leben können.

Inzwischen habe ich bestimmt 400 Bewerbungen geschrieben und 20 Vorstellungsgespräche gehabt. Drei waren so, dass ich sofort angefangen hätte, aber da hat es leider nicht geklappt. Oft höre ich: „Sie sind leider zu alt.“ Oder wenn es um einen Job im Call-Center geht: „Sie haben ja gar keine Erfahrung.“ In der Regel ist der angebotene Lohn erbärmlich niedrig. Da bekomme ich oft gesagt: „Sie können sich doch noch was vom Amt holen! Das machen andere auch, das ist kein Problem.“


Die meisten offenen Stellen gibt es bei Zeitarbeitsfirmen. Da verdiene ich als gelernte Kraft aber höchstens 9,97 Euro die Stunde. Und da in den ersten Monaten ein Teil des Lohns einbehalten wird für Zeiten, in denen es keine Arbeit gibt, würde ich höchstens auf 1500 Euro kommen. Zur Not würde ich das inzwischen auch machen. Irgendwann geht man mit seinen Ansprüchen halt runter, zwangsläufig.

Zuletzt habe ich in einer Spedition gearbeitet, für 2100 Euro brutto im Monat. Leider gab es Unstimmigkeiten mit den Kolleginnen, weil ich die einzige Nichtraucherin im Büro war. Deshalb habe ich noch in der Probezeit die Kündigung erhalten. Davor habe ich bei der Arbeitsagentur und bei der Stadt gearbeitet, da habe ich noch 2600 Euro monatlich verdient. Allerdings waren das auch immer nur befristete Verträge.

Vor einigen Tagen hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei einem Dienstleister für Berufsbekleidung. Da sollte der Provisionsanteil am Lohn höher sein als das Festgehalt, das bei 1000 Euro lag. „Im Schnitt erreichen bei uns alle 2500 bis 3000 Euro im Monat“, sagte mir der Personalchef. Ich habe ihn gefragt: „Warum zahlen Sie dieses Geld dann nicht gleich als Festgehalt aus?“ Darauf wusste er keine Antwort.

Inzwischen bewerbe ich mich auch in Köln. Das ist über 90 Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Aber hier läuft halt nicht viel, und langsam muss etwas passieren. Ab Oktober bekomme ich kein Arbeitslosengeld mehr, und Anspruch auf Hartz IV habe ich nicht: Ich habe fürs Alter vorgesorgt – und dafür werde ich nun bestraft.

Eva Lohn (42) (Name geändert), Bürokauffrau auf Arbeitssuche in Nordrhein-Westfalen