Schnellzugriff
Sie ist immer häufiger bittere Realität in einem der reichsten Industrieländer der Welt: Kinderarmut. Fast jedes fünfte Kind lebt in Deutschland in relativer Armut. Das geht aus dem Familienreport 2010 des Bundesfamilienministeriums hervor.
© Mr. Nico/ photocase.de
Anders ausgedrückt: 2,5 Millionen Kinder leben in Haushalten, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Alarmierend ist vor allem der langfristige Trend: Seit Beginn des Jahrtausends ist die Kinderarmut in Deutschland laut einem Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) um rund 30 Prozent gestiegen. Im internationalen Vergleich der materiellen Situation von Kindern belegt Deutschland sogar einen der hinteren Plätze.
Auch wenn man nicht nur die materielle Situation, sondern auch Dimensionen wie Bildung und Ausbildung, soziales Umfeld, Gesundheit oder Wohlbefinden berücksichtigt, rangiert die Bundesrepublik im Vergleich von 21 Ländern nur im Mittelfeld. Kinderarmut ist ein gravierendes gesellschaftliches Problem, auf das die Politik bisher nicht die richtigen Antworten gefunden hat oder finden wollte.
Eine der Ursachen für den Anstieg von Kinderarmut ist die bundesweit wachsende Zahl von „Ein-Eltern-Familien“. Kinder, die bei Alleinerziehenden aufwachsen, sind laut UNICEF überproportional von Armut betroffen. Fast die Hälfte von ihnen, rund eine Million Kinder, sind laut Familienreport 2010 armutsgefährdet.
Seit Jahren ist der Armutsdruck für Alleinerziehende, in der Mehrheit Frauen, unverändert hoch. Selbst wenn sie es schaffen, berufstätig zu sein, können sie der Armut kaum entkommen. Weil sie sich um die Kinderbetreuung kümmern müssen, haben Alleinerziehende oft keine Vollzeitbeschäftigung. Viele nehmen schlecht bezahlte Teilzeit- oder Minijobs an, um wenigstens einen Teil ihres Lebensunterhaltes aus eigener Kraft zu bestreiten.
Das Armutsrisiko von Kindern und die Beschäftigungssituation ihrer Eltern sind eng miteinander verknüpft. Familien, in denen die Eltern nicht oder nur geringfügig beschäftigt sind, gehören zu den größten Risikogruppen: Erwerbslose, Hartz IV-Empfänger, „Aufstocker“, Minijobber. Doch auch ein Vollzeitjob schützt Familien nicht immer davor, in die Armut abzurutschen. Fast 15 Prozent der Haushalte mit Kindern sind trotz Vollzeitbeschäftigung eines Elternteils von Armut bedroht - vor allem dann, wenn zwei oder mehr Kinder vom Haushaltseinkommen versorgt werden müssen. So ist es im Familienreport 2010 des Bundesfamilienministeriums nachzulesen.
Kinderarmut bedeutet nicht nur materiellen Verzicht, sie wirkt sich auch auf Gesundheit und Bildungschancen aus. Benachteiligte Kinder sind laut UNICEF (2008) häufiger chronisch krank, übergewichtig oder verhaltensauffällig. Sie nutzen seltener soziale und kulturelle Angebote als ihre Altersgenossen. Viel stärker als in anderen Industrieländern ist Bildung in Deutschland von der sozialen Herkunft bestimmt, das belegen auch die PISA-Studien.
Die Politik ist gefordert, endlich wirksame Strategien gegen Kinderarmut auf den Weg zu bringen. Wenn es darum geht, "Perspektiven für Familien zu schaffen, ein ökonomisch selbst bestimmtes Leben zu führen", wie es im Armutsbericht des Familienministeriums von 2008 heißt, dann muss die Politik auch das weitere Absacken der Löhne verhindern. Es ist nicht hinnehmbar, dass immer mehr Menschen trotz Vollzeitbeschäftigung nicht genug zum Leben verdienen – weder für sich noch für ihre Kinder.
Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist in den vergangenen 15 Jahren dramatisch gewachsen. Jeder fünfte abhängig Beschäftigten arbeitete 2008 dem Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) zufolge im Niedriglohnsektor – so viele wie nie zuvor. Mehr als 6,5 Millionen Beschäftigte verdienen weniger als zwei Drittel des mittleren Einkommens.
Ein gesetzlicher Mindeststundenlohn von 8,50 Euro würde vielen Familien ein Existenz sicherndes Einkommen ermöglichen und sie weitgehend von staatlichen Transferleistungen unabhängig machen. Wer sich und seine Familie ernähren kann, entwickelt neues Selbstbewusstsein und bietet seinen Kindern ein stabiles soziales Umfeld.
Über 80 Prozent der Bevölkerung haben sich laut einer Infratest-Umfrage im Dezember 2008 für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns ausgesprochen, um Kinder vor Armut zu schützen. Jetzt ist die Politik am Zug.
Link dieser Seite
Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Doch das Jobwunder made in Germany hat eine Kehrseite: Die neuen Arbeitsplätze sind oft unsicher, befristet und schlecht bezahlt. Leiharbeit und Minijobs breiten sich aus, die Lohnentwicklung zeigt nach unten. „Armut im Aufschwung - Der Boom der Billiglöhne“ - darüber diskutiert Thomas Leif in der SWR-Sendung 2+Leif mit Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Oskar Lafontaine, Fraktionschef der LINKEN im Saarland. SWR, 02.05.2011
Bei der Geburt sind alle Menschen gleich? Von wegen. Ob ein Mensch arm oder reich geboren ist, entscheidet von Anfang an über seine Entwicklungschancen. Die WDR Sendung Quarks & Co. ist den wichtigsten Fragen zum Thema nachgegangen: Wann ist ein Mensch arm, und wie ist der Reichtum in der Gesellschaft verteilt? Welche Chancen haben arme und reiche Kinder in Deutschland auf Karriere, Glück und Gesundheit?
Quarks & Co „Bist du reich genug?“, Sendung vom 12.4.2011
Jung, ausgebildet - prekär beschäftigt. Die Wirtschaft nimmt nach der Krise wieder Fahrt auf, die Arbeitslosigkeit sinkt. Doch so richtig profitieren die jungen Arbeitnehmer noch nicht vom Aufschwung. Leiharbeit und befristete Jobs: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse prägen ihre noch kurzen Erwerbsbiografien. ZDF.reporter, Sendung vom 11.11. 2010
Die gesetzliche Rente für die heute 30- bis 40-jährigen wird mager ausfallen und in Ostdeutschland sogar bedrohlich klein. Der Grund ist lange bekannt: immer weniger Menschen haben lebenslang eine Vollzeitstelle zu einem Tariflohn. „Normal“ werden Phasen ohne Arbeit, oder Teilzeitjobs oder Niedriglöhne, usw. Altersarmut verhindern, aber wie? Markus Schmidt und Kim Otto über - Umschichtung."
Monitor, 25.03.2010