Dumpinglöhne

31.03.2011

Sattes Wachstum - und das seit Jahren: der Niedriglohnsektor

Dumpinglöhne gibt es massenhaft: Floristen in Sachsen-Anhalt verdienen 4,35 Euro pro Stunde. Ungelernte Frisöre in Berlin bekommen 3,65 Euro, gelernte 4,65 Euro, in Schleswig-Holstein ganze vier Cent mehr: 4,69 Euro. Ein Wachmann in Mecklenburg-Vorpommern erhält einen Stundenlohn von 4,32 Euro, ein Fleischer in Thüringen 5,49 Euro. Und im Hotel- und Gaststättengewerbe in Nordrhein-Westfalen werden 6,63 Euro pro Stunde gezahlt.

© testfight/ photocase.de

 

Im Jahr 2008 arbeitete gut jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland unterhalb der Niedriglohngrenze von zwei Dritteln des mittleren Lohns (umgerechnet etwa 10 Euro brutto pro Stunde). Das waren 6,55 Millionen Menschen – 162.000 mehr als noch 2007. 1,2 Millionen Beschäftigte arbeiteten sogar für weniger als fünf Euro die Stunde. Diese Zahlen präsentierte das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen im Sommer 2010. Besonders alarmierend: Der Niedriglohnbereich ist in den letzten zehn Jahren kontinuierlich gewachsen.

Niedriglohn boomt – zunehmend auch in Vollzeitjobs

Ein Grund dafür ist der Boom der Dienstleistungen. In diesen Berufen sind Niedriglöhne besonders weit verbreitet. Aber auch befristete Jobs drücken auf die Einkommen. Vor allem junge Arbeitnehmer erhalten kaum noch unbefristete Verträge. Auch die Hartz-Reformen des Arbeitsmarktes haben ihren Anteil am Trend zum Lohndumping. Sie haben den Druck auf Arbeitslose erhöht, auch schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. Durch die verschärften Zumutbarkeitsregeln sind immer mehr Menschen gezwungen, zu Löhnen unterhalb des Existenzminimus zu arbeiten.

Nicht nur in „atypischen“ Beschäftigungen, auch im klassischen „Normalarbeitsverhältnis“ – Vollzeit, sozialversicherungspflichtig und unbefristet – kommt Niedriglohn immer häufiger vor. Laut einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit von November 2010 waren im Vorjahr 22 Prozent der vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmer zu Niedriglöhnen tätig. Zehn Jahre zuvor waren es erst 16,6 Prozent.

Niedriglohn ist keineswegs nur ein Problem Geringqualifizierter. 70 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten können einen Berufsabschluss vorweisen, mehr als acht Prozent sogar ein Universitäts- oder Fachhochschulzeugnis. Niedrige Löhne sind in Ostdeutschland weiter verbreitet als in Westdeutschland, und Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. In Westdeutschland erhielten 34,4 Prozent der weiblichen Beschäftigten, aber nur 12,6 Prozent der Vollzeit arbeitenden Männer einen Niedriglohn. In Ostdeutschland fällt die Differenz etwas geringer aus. Ebenfalls überdurchschnittlich betroffen sind jüngere Beschäftigte sowie Migranten.

Dumpinglöhne führen in die Schuldenfalle und machen krank

Der Sinkflug der Arbeitseinkommen hat gravierende gesellschaftliche Folgen. Arbeit zu Dumpinglöhnen untergräbt die Menschenwürde und treibt Beschäftigte in die Verschuldung. Seit 2005 steigt die Zahl der Privatinsolvenzen kontinuierlich. Im Jahr 2010 mussten 19.000 Menschen (oder 7,6 Prozent) mehr Privatinsolvenz anmelden als noch im Jahr zuvor. Experten rechnen damit, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Nicht zuletzt sind Menschen mit niedrigem Einkommen häufiger krank. Viele Beschäftigte im Niedriglohnsektor sparen sich den Arztbesuch. Die seit Jahren steigenden Beiträge zur Krankenversicherung stellen für sie eine täglich spürbare Belastung dar. Für Menschen, deren Lohn kaum zum Leben reicht, werden Versicherungskosten, Vorsorge und gesunde Lebensführung schnell zu einem unerschwinglichen Luxus. Das bleibt nicht ohne Folgen. Studien zeigen: Bis zu zehn Jahre kann die Lebenserwartung von 65-Jährigen einkommensbedingt variieren. Mit anderen Worten: Wer weniger verdient, stirbt früher.

Der Mindestlohn ist ein Gebot der Menschenwürde

Unternehmernahe Ökonomen und Politiker der Regierungsparteien wollen die Lohnhöhe am liebsten dem freien Spiel der Marktkräfte überlassen. Die Entwicklung des letzten Jahrzehnts zeigt deutlich, wohin diese Haltung führt. Viele Unternehmen haben Tarifflucht begangen und sich aus den Verbänden zurückgezogen. Nur noch etwa 60 Prozent der Beschäftigten werden überhaupt von Tarifverträgen erfasst. Diese Unternehmen nutzen die Notlage vieler Menschen schamlos aus. Selbst für qualifizierte Tätigkeiten bieten sie Löhne, die kaum zum Leben reichen, wohl wissend, dass viele angesichts der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt keine Alternative haben. So haben sie eine ruinöse Lohnkonkurrenz in Gang gesetzt – auf dem Rücken der Beschäftigten.

Inzwischen kommen Dumpinglöhne selbst in tariflich regulierten Bereichen vor. Unter dem Druck von Globalisierung und neoliberaler Politik, wachsender Konkurrenz und sinkenden Mitgliederzahlen sind Gewerkschaften vielfach gezwungen, Niedriglohntarife abzuschließen, um den freien Fall der Arbeitseinkommen zu begrenzen. Die Floristen, Wachleute und Friseure, von denen zu Beginn die Rede war, werden alle nach Tarif bezahlt.

All diese Menschen sind auf einen Mindestlohn angewiesen, um ihre Einkommenssituation zu verbessern, der Schuldenfalle zu entkommen und ihre Gesundheit zu schützen. Ein Mindestlohn von 8,50 Euro ist nicht das Ende der Reise, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Er würde den freien Fall der Löhne stoppen und helfen, die schädliche Entwicklung umzukehren.
 

 
 

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