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Baugewerbe

Es war 1990, die deutsch-deutsche Vereinigung war noch ganz frisch, und das Geld vom Bund sprudelte: Aufbau! Nicht ohne uns, beschloss die Straßenbaufirma aus dem Rheinland. Sie gründete im Osten einen Ableger und rückte mit modernsten Maschinen an, um den neuen deutschen Bundesländern ihre Autobahnen zu bauen.

Die ostdeutschen Konkurrenten guckten in die Röhre. Sie waren 1990 binnen weniger Wochen den westdeutschen Tarifverträgen beigetreten. Die Lohnsteigerungen standen in keinerlei Verhältnis zur Produktivität. Wie und woher auch - mit dem Baugerät der DDR?

Diese wahre kleine Geschichte aus dem Baugewerbe zeigt nur besonders eindrücklich, was mit der ostdeutschen Wirtschaft direkt nach den Vereinigungsfeiern in nahezu allen Branchen passierte. Der Westen gab ihr keine Chance.

Der Westen, das waren unter anderem: die Arbeitgeber und die Gewerkschaften. Weder die einen noch die anderen hatten ein Interesse daran, dass im Osten eine ernstzunehmende Konkurrenz entstünde. Mangelnde Produktivität und die schnellstmögliche Angleichung an Westlöhne vertrugen sich nicht. Die fehlkalkulierten Industrie-Löhne taugten nicht als Maßstab für die Dienstleistungslöhne. Anders als behauptet, entstanden keine Jobs - sie wurden abgebaut, massenhaft.

Heute streiten sich Experten, ob man das hätte sehen müssen. Ob man das Desaster im Osten hätte abwenden können. Wer wirklich Schuld war. Wollten denn nicht alle "blühende Landschaften"? Einigkeit besteht in einem Punkt: Die Arbeitslosigkeit im Osten hat der deutschen Volkswirtschaft insgesamt unendlich geschadet.

Und damit den Löhnen: Nur noch eine Minderheit der Ost-Firmen zahlt Flächentarif-Löhne. Der Krise in der Industrie steht eine Krise in den Dienstleistungsbereichen gegenüber - und hier wird noch schlechter bezahlt. In Sachsen-Anhalt zahlt das Hotel- und Gaststättengewerbe tariflich 4,61 Euro die Stunde. Die zunehmende Zahl der nicht tarifgebunden Arbeitgeber dürfte noch darunter gehen. Im Westen schrumpfen Sonderzahlungen rasant, Lohnerhöhungen sind minimal. Der Flächentarif wankt.

Und es ist nicht absehbar, wie das Lohnniveau im Osten sich erholen, wer es kontrollieren soll. Denn was im Westen längst begonnen hatte, überschlug sich schier in den 90er Jahren im Osten: Die Arbeitnehmer verließen die Gewerkschaften oder traten gar nicht erst ein. Die Arbeitgeber verließen ihre Verbände oder traten, von der Treuhand in die Privatisierung entlassen, gar nicht erst ein.

Nicht, dass die Arbeitgeberverbände freiwillig Zahlen über ihren Mitgliederverlust verbreiten würden. Nur Gesamtmetall verrät, dass im Osten 1991 noch 1.365 Firmen mit 535.066 Beschäftigten Mitglied waren - 2004 waren es 266 Unternehmen mit 57.823 Beschäftigten. Im Westen zählte Gesamtmetall 1972 noch 10.181 Firmen mit 3.154.775 Beschäftigten - 2004 waren es 4.508 Firmen mit 1.801.203 Beschäftigten. Und die Metallindustrie gilt als gut organisiert.

Von einer Atomisierung der Interessenvertretung, behauptet der Gesamtmetall-Berater Werner Riek, könne dennoch "keine Rede sein". Aber auch er gibt zu, dass die Arbeitgeberverbände auf Schwund reagieren mussten. So haben die Metall-Regionalverbände seit Ende der 90er Jahre "OT-Verbände" gegründet: Sie sind "Ohne Tarifbindung", gehören aber ansonsten dazu.

Die einzigen handfesten, regelmäßigen Daten zum allgemeinen Organisationsgrad und zur Tarifbindung der Betriebe produziert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Es führt regelmäßig Betriebsbefragungen durch. Demnach sind gegenwärtig noch rund 37 Prozent der Unternehmen (flächen-)tarifgebunden und somit wahrscheinlich im Verband - 43 Prozent West, 21 Prozent Ost. Zusätzlich erklären etwa 24 Prozent der Betriebe, sie orientierten sich am Flächentarif. Diese Zahlen sind in den 90er Jahren koninuierlich zurückgegangen. Auffällig ist allerdings, dass das Tempo der Verluste sich im Westen seit 2000 stark verlangsamt hat - während es im Osten anhält.

Im Osten, erklären auch Arbeitgebervertreter freimütig, ist der Flächentarif zerbröselt. Im Westen wird weniger beim Monatslohn, sondern eher bei den Arbeitszeiten am Tarifgefüge gebogen. Die Breitenwirkung des Flächentarifs gilt nur noch für qualifizierte Kräfte.

Gewerkschaftsnahe Forscher berichten Ähnliches, wenn auch - klar - aus entgegengesetzter Perspektive. Der Tarifexperte vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, Reinhard Bispinck, teilt "die These, dass es nicht nur eine äußere Erosion, sondern auch eine innere Erosion des Flächentarifs gibt." Die Unternehmen verlassen nicht nur die Verbände und den Flächtentarif - er verliert auch in den eigentlich gebundenen Betrieben an Beachtung. Es sei schwierig, so etwas zu messen, sagt Bispinck. Aber in einer Befragung von 2005 hätten schon zwölf Prozent der Betriebsräte erklärt, bei ihnen würden Tarifstandards unterschritten.

Reinhard Bahnüller, Geschäftsführer vom Tübinger Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur bestätigt: "Die Durchsetzungskraft des Flächentarifs in den Unternehmen hat gelitten". Vielerorst gebe es "interne Nachverhandlungen" zum Flächentarif, der dadurch eher eine Art Messgröße werde. Die Gewerkschaften, erklärt Bahnmüller, geständen dies mittlerweile auch nahezu offen ein. "Früher blieb so etwas in der Panzerschrankabteilung." So entstehe aus der Schwäche eine "neue Psychologie".



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