Migration

24.03.2011

Ein Leben im Hamsterrad

„Erholung“ ist für Natallia und Viacheslav Kukharenko ein Fremdwort. Doch hier geht es nicht um ein Sprachproblem. Das junge Ehepaar aus Weißrussland studiert Wirtschaftswissenschaften in Deutschland – und muss nebenher unter widrigen Bedingungen den Lebensunterhalt bestreiten, die Kindererziehung organisieren und um den Aufenthalt kämpfen.

© krockenmitte/ photocase.com

 

Ihr Beispiel zeigt: Studierende aus Nicht-EU-Ländern haben es schwer, wenn sie in Deutschland einen Abschluss machen wollen. Die ZEIT hat die Geschichte der weißrussischen Familie aufgeschrieben.

Etwa 165.000 Menschen aus Nicht-EU-Ländern studieren an deutschen Universitäten. Natallia und Viacheslav Kukharenko sind zwei von ihnen. Im Jahr 2003 haben die beiden Ehepartner ein Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Osnabrück begonnen. Die Hürden, die sie dafür nehmen müssen, sind hoch. Es beginnt mit der Finanzierung. Jeder Studierende aus dem außereuropäischen Ausland muss nachweisen, dass er 640 Euro im Monat zur Verfügung hat, sonst verfällt der Aufenthalt. Wer kein Stipendium bekommt und keine reichen Eltern hat, hat es schwer. Entweder er findet einen Deutschen, der für ihn bürgt. Oder er muss die Summe selbst aufbringen.

Da ihre Anglistikabschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden, können die Kukharenkos nicht als Lehrer arbeiten. In Deutschland bekommen sie nur Jobs, für die man nicht qualifiziert sein muss. Um Geld für das heiß ersehnte Studium zusammen zu bekommen, sind Viacheslav und Natallia Kukharenko deshalb mit einem Austauschvisum in die USA gegangen. Dort können Studierende bis 30 Jahre problemlos nebenher arbeiten. Vier Monate lang haben die beiden täglich 16 Stunden und mehr gearbeitet, als Kellner, Kassierer, Viacheslav sogar als Schiffsjunge. Am Ende hatten sie 20.000 Dollar verdient – den Unterhalt für das Studium in Deutschland.

Zweimal haben die Kukharenkos diese Prozedur wiederholt; bei der letzten Fahrt war Viacheslav allein. Inzwischen war Sohn Nikita auf die Welt gekommen, Natallia konnte nicht mehr weg. Sie arbeitet nun auf 400-Euro-Basis in einem Hotel. Das reicht nicht zum Leben, aber mehr Zeit hat sie nicht, denn die beiden müssen sich auch noch um die Kindererziehung kümmern. Einen Kita-Platz für Nikita gibt es nicht.

Zeit für das Studium bleibt kaum, und so war die Aufenthaltserlaubnis der Familie bereits mehrfach in Gefahr. Die Ausländerbehörde argumentiert, die Kukharenkos seien zum Studieren in Deutschland – nicht zum Kindererziehen. Wenn sie nicht zügig studieren, gefärden sie ihren Aufenthalt. Die Studiengebühren, die inzwischen eingeführt wurden, belasten die Familie zusätzlich.

Unter diesen Bedingungen befürchten die beiden, ihr Studium nicht zu schaffen. Mit dieser Angst stehen Natallia und Viacheslav Kukharenko nicht alleine da. Die vielfachen Belastungen führen dazu, dass viele aufgeben. Schätzungsweise die Hälfte der außereuropäischen Studierenden schafft den Abschluss nicht. Zwischen 2006 und 2009 ist die Zahl osteuropäischer Studierender in Deutschland um mehr als zehn Prozent gesunken.

 
 

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