Kinderarmut

27.02.2009

Niedriglohn bringt Familien mit Kindern in Not

Wenn der Lohn schon am 20. des Monats beinahe aufgebraucht ist, muss Anita D*. sich etwas einfallen lassen. Auf vieles verzichtet sie ohnehin: Restaurantbesuche, Urlaub, teure Lebensmittel. Das alles wäre nur halb so schlimm, wenn es nur um sie ginge. Aber Anita D. und ihr Mann haben zwei Kinder zu versorgen. Er arbeitet als Koch, sie als Reinigungskraft.

© Maccaroni/ photocase.de

 

Um halbwegs über die Runden zu kommen, musste Anita D. einen zweiten Job annehmen. Alle zwei Monate verkauft die Familie Kleinigkeiten auf dem Flohmarkt, damit wenigstens die Kinder hin und wieder neue Sachen bekommen. Und trotzdem müssen sie jeden Euro mindestens dreimal umdrehen.

Geringverdiener mit Kindern haben es in Deutschland besonders schwer. Jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland arbeitet laut Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) zum Niedriglohn, insgesamt rund 6,5 Millionen Menschen. Gerade für die Familien mit Kindern unter ihnen ist das Risiko groß, in die Armut abzurutschen. Im September 2008 erhielten rund 1,36 Millionen Beschäftigte trotz Arbeit ergänzend Hartz IV – die Hälfte davon lebte in Familien mit Kindern. So ist es im „Familienreport 2009“ des Bundesfamilienministeriums nachzulesen.

Eine von ihnen ist Dorit M. Die alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist auf die Hilfe angewiesen, obwohl sie täglich als Teilzeitkraft im Lebensmitteleinzelhandel arbeitet. Sechs Euro pro Stunde verdient sie dort. Zu wenig, um sich und ihre Kinder zu versorgen. Geringe Arbeitszeit und niedrige Entlohnung gehören häufig zusammen. Doch viele Mütter und Väter haben keine Wahl: Selbst wenn sie wollen, können sie oft keine Vollzeitstelle annehmen. Es fehlt an Kindertagesstätten und Ganztagsschulen. Und nur wenige Arbeitgeber bringen Verständnis für die schwierige Situation von Alleinerziehenden auf. „Es sollte alleinerziehenden Müttern einfacher gemacht werden, arbeiten zu gehen“, wünscht sich Dorit M.


Ohne Geld, keine Kinder?

„Ohne Geld kann man keine Kinder in die Welt setzen“, findet Nawaz N. Als Zeitarbeiter in der Lebensmittelbranche verdient er bei einer 40-Stunden-Woche in wechselnden Schichten gerade einmal 810 Euro brutto. Ohne aufstockende Hartz VI-Hilfe kommt auch er nicht aus. Wenn er und seine Frau sich für ein Kind entschieden, könnten sie vom Elterngeld profitieren, das es seit 2007 gibt.

Das Elterngeld orientiert sich am Einkommen der Eltern vor der Geburt der Kinder und ersetzt mindestens ein Jahr lang 67 Prozent des ausfallenden Einkommens. Wenn sich die Eltern die Betreuung teilen, verlängert sich das Elterngeld auf 14 Monate. Wer weniger als 1000 Euro netto verdient, bekommt bis zu 100 Prozent erstattet. Auch Väter und Mütter, die bisher nicht erwerbstätig waren, erhalten mindestens 300 Euro, die nicht auf andere Sozialleistungen angerechnet werden. Maximal zahlt der Staat 1800 Euro – damit wird auch ein Anreiz für Besserverdienende gegeben. Zusammen mit dem Kindergeld kommt das Elterngeld also vor allem niedrige Einkommensgruppen zugute.


Kluge Familienpolitik gefragt

Die gezielte Unterstützung von Familien mit geringem Einkommen ist richtig, doch sie darf beim Elterngeld nicht aufhören. Denn das Risiko, in Armut aufzuwachsen, steigt mit dem Alter der Kinder. Dem größten Armutsrisiko sind laut „Familienreport 2009“ Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren ausgesetzt. Eine kluge Familienpolitik muss deshalb auch die Betreuungssituation verbessern, um die Bildungschancen der Kinder zu erhöhen und den Eltern die Möglichkeit zu geben, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln könnte dadurch langfristig sogar das Bruttoinlandsprodukt um 0,4 bis 05, Prozentpunkte angekurbelt werden.

Menschen wie Nawaz A. ist damit noch nicht geholfen. Wer trotz Vollzeitjob nicht genug zum Leben hat, wird auf Kinder lieber verzichten – daran ändert auch das Elterngeld nichts. Um die Situation von Familien mit niedrigem Einkommen zu verbessern und sie von staatlichen Transferleistungen unabhängig zu machen, müssen Dumpinglöhne endlich der Vergangenheit angehören. „Wir wünschen uns nur einen gerechten Lohn für unsere Familie“, sagt Anita D. Das ist nicht zu viel verlangt.

* Alle Namen von der Redaktion geändert

 
 

Mediathek

 
   1 2 3 ... 7 
Lohndumping durch Werkverträge in der Fleischindustrie
2:29
 
 
 
 
 
14.10.2011
Views: 1.406

Lohndumping durch Werkverträge in der Fleischindustrie

Europäische Fleischkonzerne zieht es nach Deutschland. Der Grund: Nirgendwo gibt es so gute Bedingungen für Lohndumper. Doch es geht auch fair. Streik TV hat ein mittelständisches Unternehmen besucht, in dem unternehmerische Verantwortung noch zählt.


Leben ohne Mindestlohn: Berufsportrait Friseur
5:28
 
 
 
 
 
25.05.2011
Views: 1.424

Leben ohne Mindestlohn: Berufsportrait Friseur

Gutes Geld für gute Arbeit – das gilt in Deutschland für viele nicht. Jeder fünfte Deutsche muss trotz Arbeit Hilfe von Staat beantragen. Laut Studien ist die Zahl der Niedriglohnempfänger in den letzten 10 Jahren rapide um 2,3 Millionen gewachsen. Ein ...


Leben ohne Mindestlohn
5:26
 
 
 
 
 
29.04.2011
Views: 1.844

Leben ohne Mindestlohn

6 Euro 50 als Verkäufer/in. 4 Euro als Friseur. 5,50 als Bäcker. Niedriglohn - das bedeutet ein Einkommen, das niedriger ist als 2/3 des mittleren Lohns. Seit Mitte der 90er Jahre wächst der Niedriglohnsektor in Deutschland kontinuierlich.  und so auch die ...


   1 2 3 ... 7 

 

Bemerkenswert

Dumpinglöhne

Armut im Aufschwung - Der Boom der Billiglöhne

Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Doch das Jobwunder made in Germany hat eine Kehrseite: Die neuen Arbeitsplätze sind oft unsicher, befristet und schlecht bezahlt. Leiharbeit und Minijobs breiten sich aus, die Lohnentwicklung zeigt nach unten. „Armut im Aufschwung - Der Boom der Billiglöhne“ - darüber diskutiert Thomas Leif in der SWR-Sendung 2+Leif mit Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Oskar Lafontaine, Fraktionschef der LINKEN im Saarland. SWR, 02.05.2011

 

Kinderarmut

Armut und Reichtum in Deutschland

Bei der Geburt sind alle Menschen gleich? Von wegen. Ob ein Mensch arm oder reich geboren ist, entscheidet von Anfang an über seine Entwicklungschancen. Die WDR Sendung Quarks & Co. ist den wichtigsten Fragen zum Thema nachgegangen: Wann ist ein Mensch arm, und wie ist der Reichtum in der Gesellschaft verteilt? Welche Chancen haben arme und reiche Kinder in Deutschland auf Karriere, Glück und Gesundheit?
Quarks & Co „Bist du reich genug?“, Sendung vom 12.4.2011


 

Prekäre Beschäftigung

Video: Generation befristet

Jung, ausgebildet - prekär beschäftigt. Die Wirtschaft nimmt nach der Krise wieder Fahrt auf, die Arbeitslosigkeit sinkt. Doch so richtig profitieren die jungen Arbeitnehmer noch nicht vom Aufschwung. Leiharbeit und befristete Jobs: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse prägen ihre noch kurzen Erwerbsbiografien. ZDF.reporter, Sendung vom 11.11. 2010


 

Altersarmut

Bedrohliche Altersarmut - Riesterrente auf dem Prüfstand

Die gesetzliche Rente für die heute 30- bis 40-jährigen wird mager ausfallen und in Ostdeutschland sogar bedrohlich klein. Der Grund ist lange bekannt: immer weniger Menschen haben lebenslang eine Vollzeitstelle zu einem Tariflohn. „Normal“ werden Phasen ohne Arbeit, oder Teilzeitjobs oder Niedriglöhne, usw. Altersarmut verhindern, aber wie? Markus Schmidt und Kim Otto über - Umschichtung."
Monitor, 25.03.2010

 
 
 

Servicenavigation