Gesetzlicher Mindestlohn vs. Branchenmindestlöhne

31.03.2011

Mindestlohn im Call Center? Kein Anschluss unter dieser Nummer

Seit Jahren streben die Gewerkschaften einen Mindestlohn für die Call Center Branche an. Doch ihre Bemühungen blieben bislang erfolglos. Bereits im Februar 2008 forderte ver.di einen Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde für die bundesweit 150.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Call Centern ohne allgemeine Tarifbindung.

© Isabel Engelmann/ fotolia.de

 

Seit November 2009 liegt der Vorschlag für einen Mindestlohn für Call Center Beschäftigte beim Bundesarbeitsministerium zur Beratung, genauer gesagt: beim Hauptausschuss für Mindestlöhne. Den hatte der ehemalige Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) im Jahr 2009 eingerichtet, um Mindestlöhne für Branchen zu prüfen, in denen es keine oder kaum Tarifverträge gibt.

Die Call Center Branche boomt seit Jahren und mit ihr auch unregulierte und viel zu niedrig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse. Tarifverträge existieren kaum und Löhne von 5,50 Euro pro Stunde sind keine Seltenheit. Das Problem sei, erklärt Ulrich Beiderwieden, der zuständige ver.di Gewerkschaftssekretär, dass es keinen klassischen Arbeitgebervertreter in der Branche gebe, mit dem die Gewerkschaft verhandeln könnte.

Die Unzufriedenheit unter Beschäftigten ist groß. Laut einer ver.di Umfrage von 2007 gaben 74 Prozent der befragten Call Center Agents an, dass sie einen Zweitjob oder staatliche Unterstützung benötigten, um irgendwie über die Runden zu kommen. Daran hat sich auch drei Jahre später nichts geändert, wie eine erneute Umfrage unter in ver.di organisierten Call Center Beschäftigten ergab.

Unterstützung bei dem Vorhaben, einen Mindestlohn einzuführen, erhielt ver.di in der Vergangenheit durch die Firma Transcom. Die Firma hält einen Mindestlohn für wünschenswert und bezahlt die eigenen Beschäftigten auch schon nach diesem Lohnniveau. „Als Unternehmer hat man soziale Verantwortung“, so das Mitglied der Geschäftsleitung, Thomas Tannhäuser. Zudem sei ein Mindestlohn wichtig, um Qualität abzuliefern und damit seine Kunden zufrieden zu stellen. Qualität erreiche man nur, so Tannhäuser, wenn sich die Mitarbeiter wohl fühlen. Ein Beleg dafür ist die ungewöhnlich niedrige Fluktuations- und Krankheitsquote bei Transcom. Gerechte Entlohnung zahlt sich also aus.

Anfang November 2011 brachte die dbb Tarifunion den Antrag auf Mindestlohn für die Call Center Branche in den Ausschuss beim Arbeitsministerium ein. Dort lag dieser erste und einzige Antrag mindestens ein Jahr lang unbearbeitet herum – der Hauptausschuss hatte sich bis September 2010 nicht ein einziges Mal getroffen. „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ – für die Call Center Beschäftigten leider ein allzu vertrautes Gefühl. Dabei könnten sie einen Mindestlohn gut gebrauchen.

ver.di Pressemitteilung auf presse.verdi.de

Bericht auf spiegel.de

Bericht auf call-center-news.de
 

 
 

Mediathek

 
   1 2 3 ... 7 
Lohndumping durch Werkverträge in der Fleischindustrie
2:29
 
 
 
 
 
14.10.2011
Views: 1.409

Lohndumping durch Werkverträge in der Fleischindustrie

Europäische Fleischkonzerne zieht es nach Deutschland. Der Grund: Nirgendwo gibt es so gute Bedingungen für Lohndumper. Doch es geht auch fair. Streik TV hat ein mittelständisches Unternehmen besucht, in dem unternehmerische Verantwortung noch zählt.


Leben ohne Mindestlohn: Berufsportrait Friseur
5:28
 
 
 
 
 
25.05.2011
Views: 1.424

Leben ohne Mindestlohn: Berufsportrait Friseur

Gutes Geld für gute Arbeit – das gilt in Deutschland für viele nicht. Jeder fünfte Deutsche muss trotz Arbeit Hilfe von Staat beantragen. Laut Studien ist die Zahl der Niedriglohnempfänger in den letzten 10 Jahren rapide um 2,3 Millionen gewachsen. Ein ...


Leben ohne Mindestlohn
5:26
 
 
 
 
 
29.04.2011
Views: 1.846

Leben ohne Mindestlohn

6 Euro 50 als Verkäufer/in. 4 Euro als Friseur. 5,50 als Bäcker. Niedriglohn - das bedeutet ein Einkommen, das niedriger ist als 2/3 des mittleren Lohns. Seit Mitte der 90er Jahre wächst der Niedriglohnsektor in Deutschland kontinuierlich.  und so auch die ...


   1 2 3 ... 7 

 

Bemerkenswert

Dumpinglöhne

Armut im Aufschwung - Der Boom der Billiglöhne

Die Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Doch das Jobwunder made in Germany hat eine Kehrseite: Die neuen Arbeitsplätze sind oft unsicher, befristet und schlecht bezahlt. Leiharbeit und Minijobs breiten sich aus, die Lohnentwicklung zeigt nach unten. „Armut im Aufschwung - Der Boom der Billiglöhne“ - darüber diskutiert Thomas Leif in der SWR-Sendung 2+Leif mit Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) und Oskar Lafontaine, Fraktionschef der LINKEN im Saarland. SWR, 02.05.2011

 

Kinderarmut

Armut und Reichtum in Deutschland

Bei der Geburt sind alle Menschen gleich? Von wegen. Ob ein Mensch arm oder reich geboren ist, entscheidet von Anfang an über seine Entwicklungschancen. Die WDR Sendung Quarks & Co. ist den wichtigsten Fragen zum Thema nachgegangen: Wann ist ein Mensch arm, und wie ist der Reichtum in der Gesellschaft verteilt? Welche Chancen haben arme und reiche Kinder in Deutschland auf Karriere, Glück und Gesundheit?
Quarks & Co „Bist du reich genug?“, Sendung vom 12.4.2011


 

Prekäre Beschäftigung

Video: Generation befristet

Jung, ausgebildet - prekär beschäftigt. Die Wirtschaft nimmt nach der Krise wieder Fahrt auf, die Arbeitslosigkeit sinkt. Doch so richtig profitieren die jungen Arbeitnehmer noch nicht vom Aufschwung. Leiharbeit und befristete Jobs: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse prägen ihre noch kurzen Erwerbsbiografien. ZDF.reporter, Sendung vom 11.11. 2010


 

Altersarmut

Bedrohliche Altersarmut - Riesterrente auf dem Prüfstand

Die gesetzliche Rente für die heute 30- bis 40-jährigen wird mager ausfallen und in Ostdeutschland sogar bedrohlich klein. Der Grund ist lange bekannt: immer weniger Menschen haben lebenslang eine Vollzeitstelle zu einem Tariflohn. „Normal“ werden Phasen ohne Arbeit, oder Teilzeitjobs oder Niedriglöhne, usw. Altersarmut verhindern, aber wie? Markus Schmidt und Kim Otto über - Umschichtung."
Monitor, 25.03.2010

 
 
 

Servicenavigation