Frauen

31.01.2007

Interview: Arzthelferinnen verdienen mehr!

Viele junge Frauen wollen Arzthelferin werden. Doch in diesem Beruf ein Auskommen zu finden ist schwer. Arzthelferinnen werden schlecht bezahlt, sie haben zudem kaum Aufstiegsmöglichkeiten. Die Initiative Mindestlohn sprach mit Sabine Rothe, ehemalige Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe.

© Hellfirez/ photocase.de

 

Ob Helferin beim Arzt, Zahnarzt, Tierarzt - reich werden die Frauen nicht, die in den Praxen arbeiten, oder?

Allerdings. Das ist die Gemeinsamkeit, zwischen Ost und West, Nord und Süd, die Gemeinsamkeit zwischen Arzthelferinnen, Zahnarzthelferinnen und Tierarztarzthelferinnen. Viel verdienen sie nicht. Dabei haben sie drei Jahre gelernt, sind sehr gut ausgebildet und haben sich auch immer weitergebildet. Denn gerade in diesem Beruf verändert sich so viel, da müssen auch die Helferinnen ständig am Ball bleiben.

Arzthelferinnen müssen organisieren können, sie müssen verwalten können, sie müssen sich in den Abrechnungen auskennen. Aber das ist nicht alles. Sie haben sich auch medizinisch auszukennen, sie verbinden Wunden, nehmen Blut ab, assistieren bei ambulanten Operationen. Dass sie auch soziale Kompetenzen brauchen, liegt auf der Hand. Doch diese Qualifikationen werden nicht bezahlt. Immer wieder wird versucht, die Arzthelferinnen in die Verwaltungsecke zu drängen. Der Alltag sieht aber anders aus. Da ist Verwaltung nur ein Bruchteil der Arbeit.

Was verdienen die Frauen?

Das ist unterschiedlich. Teilweise werden Facharzthelferinnen etwas besser bezahlt als Helferinnen von praktischen Ärzten. In einigen Bundesländern bekommen die Frauen auch Übertarif, oft aber wird nicht mal Tarif bezahlt. Denn die Situation ist so: Viele Arbeitgeber – vor allem Ärzte und Zahnärzte - sind nicht bei unseren Tarifpartnern organisiert, somit auch nicht an die Tarife gebunden.

Teilweise wurden auch die Stundenzahlen reduziert, oder die Frauen dazu gedrängt, ihre Arbeit als Minijob zu machen – zumindest offiziell. Die Frauen arbeiten dann doch viel länger, weil sie denken, die Arbeit muss gemacht werden und sie könnten die Patienten nicht im Stich lassen. Damit aber reduziert sich ihr Einkommen pro Stunde noch mal.

Können die Frauen davon leben?

Nein, das können sie nicht. Hinzu kommt: Es droht Altersarmut. Wer so wenig verdient, kann nichts zurücklegen. Und die Rente ist auch nicht gerade üppig.

 

Die Branche

562.000 Beschäftigte arbeiten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bundesweit sozialversicherungspflichtig oder auf geringfügiger Basis in Arzt-, Zahnarzt- und Tierarztpraxen, fast 99 Prozent davon sind Frauen.

Für Arzt- und Tierarzthelferinnen gibt es bundesweit einheitliche Tarifverträge, Zahnarzthelferinnen werden nur in Hamburg, Hessen und im Landesteil Westfalen-Lippe nach Tarif bezahlt. Die Einstiegsgehälter für Arzthelferinnen liegen seit Januar 2011 bei 1495 Euro, Zahnarzthelferinnen erhalten ab April 2011 1523 Euro. Tierarzthelferinnen bekommen derzeit nach Tarif 1416,50 Euro.

Der Verband medizinische Fachberufe e.V. organisiert Arzt-, Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen und hat derzeit 25 000 Mitglieder.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum der Beruf so schlecht bezahlt wird?

Ich denke, Arzthelferinnen tragen das Erbe der Zuverdienerin immer noch mit sich herum. Nicht dass die Frauen sich so sehen, oder die Ärzte – eher die Gesellschaft. Die Frau ist nicht Haupternährer, sondern verdient zum Gehalt des Mannes was dazu. Deshalb geht es hier gar nicht darum, von dem Einkommen leben zu können. Hinzu kommt: Für die Patienten ist die Arzthelferin wie selbstverständlich in der Praxis. Sie sehen nicht, dass die Praxis ohne die Helferin nicht funktioniert. Das ist anders als in einer Pflegeeinrichtung – dort wird eher wahrgenommen, was die Pflegende leistet.

Da die Arzthelferin nicht als wichtig eingestuft wird, kommt sie bei Honorarforderungen auch gerne unter die Räder. Wenn Ärzte mehr Geld fordern, dann geht es auch um das Einkommen des Teams, also auch der Arzthelferinnen. Das wird oft nicht deutlich.

Aber mehr Geld für die Ärzte heißt nicht automatisch mehr Geld für die Arzthelferinnen?

Nein, das heißt es nicht. Aber umgekehrt ist ganz klar: Wenn der Arzt kein Geld hat, wenn er schon umsonst arbeiten muss, weil das Budget ausgereizt ist, dann kann er seinen Helferinnen nichts zahlen. Das ist die Krux. Arzthonorare bedeuten immer „Teamhonorare“. Denn es ist immer das Team, das den Patienten betreut und behandelt. Es geht auch um die Frage, wie viel uns die Arbeit der Helferinnen wert ist. Wir als Verband weisen immer wieder darauf hin, dass das Gehalt der Arzthelferinnen in keinem Verhältnis steht zu ihrer Ausbildung und ihren Tätigkeiten. Bisher fanden wir in der Politik leider kein Gehör.

Trotz der schlechten Aufstiegsmöglichkeiten, trotz der niedrigen Einkommen wollen viele junge Frauen nach wie vor Arzthelferin werden.

Das stimmt. Arzthelferin ist immer noch ein begehrter Ausbildungsberuf. Aber viele bleiben nicht in dem Job. Das hängt damit zusammen, dass nach einer Familienphase der Wiedereinstieg sehr schwer fällt – da ändert sich zu viel, an Technik, an gesetzlichen Regelungen und vielem mehr. Viele junge Frauen gehen aber auch bewusst raus aus dem Job – weil sie so wenig verdienen und von ihrem Gehalt nicht leben können. Die Folge dieser Entwicklung: Es erwächst ein Fachkräftemangel, der uns wieder auf die Füße fällt.

Das Gehalt von Arzthelferinnen liegt oft unter dem von den Gewerkschaften geforderten Mindestlohn.

Leider verdienen Arzthelferinnen tatsächlich oft weniger als der von ver.di geforderte Mindestlohn (gemeint ist hier die ursprüngliche Forderung von 7,50 Euro, Anm. d. Redaktion). Wir unterstützen Forderungen nach einem Mindestlohn. Denn jeder, der Vollzeit arbeitet, muss von seinem Einkommen leben können auch wenn er auf keine spezielle Ausbildung verweisen kann.

Arzthelferinnen haben eine dreijährige Ausbildung absolviert, sie sind qualifiziert, sie arbeiten oft mehr als 40 Stunden die Woche. Sie verdienen weit mehr als das, was ihnen laut Tarif bezahlt wird. Wir wollen einen gerechten Lohn, der der Qualifikation, der Ausbildung und dem Können dieser Frauen entspricht. Es geht deshalb nicht um ein bisschen mehr. Diese Frauen müssen deutlich mehr verdienen. Es kann nicht angehen, dass Gesundheitspolitiker, Krankenkassen und Ärzte ein Höchstmaß an Qualifikation verlangen, aber nicht bereit sind, diese Qualifikation zu honorieren.

Bisher laufen die Gehälter der Arzthelferinnen unter „Sachkosten“ und werden somit aus dem gleichen Topf wie Betriebskosten bezahlt. Als Lösung für dieses Problem bietet sich zum Beispiel an, einen Entlohnungsfonds samt entsprechender Verteilungsregularien zu bilden. Bei der Honorarkostenberechnung würden dann die Leistungen der Mitarbeiterinnen analog der Pflege einen separaten Erstattungsanteil darstellen.

Das Interview führte Jana Bender im Januar 2007.

 
 

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