Dumpinglöhne

26.02.2011

Was ist unsere Sicherheit wert? Ein Erahrungsbericht

Wolfgang R., 54 Jahre, verheiratet, 3 Kinder, Sicherheitsdienst: 5,25 Euro pro Stunde (brutto).

© Marcel Sarközi/ photocase.de

 


Frage: Woran wird „Armut trotz Arbeit“ besonders spürbar?

Wolfgang R.: Ich arbeite seit Oktober 2006 bei einer Berliner Sicherheitsfirma in der Brandmeldezentrale. Wir machen Schichtdienst, jeweils zwölf Stunden. Im Monat komme ich auf 228 Stunden. Die meisten Leute arbeiten weniger. Bei meinem Job trage ich hohe Verantwortung. Ich habe bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für diese Tätigkeit eine Sachkundeprüfung abgelegt. Wofür? Für einen Stundenlohn von 5,25 Euro! Einen Zuschlag gegenüber weniger qualifiziertem Personal bekomme ich nicht. Das ist ein Witz!

Frage: Wie viel verdienen Sie im Monat?
Wolfgang R.: Am Monatsende habe ich inklusive Nacht- und Sonntagszuschlag 991,96 Euro netto auf dem Konto. Bis vor Kurzem betrug der Stundenlohn noch 6,06 Euro (brutto), wurde aber noch weiter gekürzt. Das ist doch absurd: Ein Wachposten verdient in Nordrhein-Westfalen nach Tarif 7,11 Euro (brutto) in Berlin fast zwei Euro weniger. Da packt man sich an den Kopf! Warum gibt es keine einheitlichen Tarife für Deutschland?

Frage: Unter welchen Bedingungen arbeitet Ihre Frau?
Wolfgang R.: Sie arbeitet in der Küche bei einer Zeitarbeitsfirma. Die Firma ist vor Pleite gegangen und wurde übernommen. Jetzt darf meine Frau anstelle sieben nur noch vier Stunden am Tag arbeiten. Auch der Stundenlohn wurde für die gleichen Tätigkeiten von 6,06 Euro auf 5,70 Euro gekürzt.

Frage: Wie viel Geld bleibt Ihnen zum Leben?
Wolfgang R.: Wenn wir die 470 Euro für Miete und Stromkosten abziehen, bleibt kaum noch etwas übrig. So kann man nicht leben. Wir verzichten auf Kinobesuche, Essengehen und Urlaub. Unsere drei erwachsenen Kinder wohnen in Süddeutschland. Ein Bahnticket dahin können wir nicht bezahlen. Alles, was Freude macht, haben wir gestrichen. Meine Frau und ich träumen von 14 Tagen Urlaub auf Mallorca oder am Plattensee. Aber auch bei alltäglichen Sachen wie bei der Kleidung müssen wir sparen. Sie muss sehr lange halten und kaputt gehen darf auch nichts. Unsere Couchgarnitur müsste dringend erneuert werden.

Frage: Was wünschen Sie sich von den Politikern?
Wolfgang R.: Ein Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde sollte es mindestens in Deutschland sein. In anderen Ländern geht es doch auch. Bei 173 Stunden Arbeit im Monat würde das dann etwa 1.470 Euro brutto machen. Damit wäre ich schon zufrieden.
Die Politik schafft es, binnen weniger Stunden über Krieg und Frieden zu entscheiden. Einen Beschluss zum Mindestlohn kriegen sie nicht hin. Ich bin zu 60 Prozent schwerbehindert. Über 20 Jahre habe ich als Fernfahrer gearbeitet. Dabei habe ich mir die Wirbelsäule kaputt gemacht, denn sie ist versteift. Zwei Mal habe ich versucht, Frührente einzureichen. Der Antrag wurde jedes Mal abgeschmettert. Meiner Gesundheit käme eher etwas weniger Arbeit zu Gute. Aber nun muss ich wohl noch einmal etwas drauflegen, anstelle kürzer zu treten. Damit wir über die Runden kommen.

 
 

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