Aufstocker

10.11.2008

Trotz Arbeit zur Berliner Tafel

Samstags morgens im Berliner Bezirk Wedding: Ab acht Uhr herrscht geschäftiges Treiben auf dem Kirchenhof der evangelischen Gemeinde Sankt Paul. Zelte und Stände werden aufgebaut, ähnlich wie auf einem Markt. Ein großer Lieferwagen steht am Tor und ist prall gefüllt mit Paletten, die Männer und Frauen jeden Alters eilig ausladen und deren Inhalt sie ansehnlich auf Tischen drapieren.

© Akim!/ photocase.de

 

„Schöne Bananen haben wir heute“, freut sich Anneliese Schulz und packt eine Staude auf den Tisch. Daneben liegen Orangen, Tomaten, Gurken und andere Arten von Obst und Gemüse.

Auf der anderen Seite der Kirche, am Haupteingang, warten die Besucher dieses Marktes der anderen Art. Hier stehen Menschen mit großen, aber noch leeren Einkaufstüten Schlange. Sie ziehen Nummern und setzen sich anschließend in das Kircheninnere und warten auf ihr Essen für die nächste Woche. Die meisten von ihnen besuchen regelmäßig die Berliner Tafel, um sich mit Grundnahrungsmitteln wie Brot, Molkereiprodukten, Obst und Gemüse einzudecken.

„217 Bedarfsgemeinschaften waren letzte Woche hier“, erklärt der Pfarrer von Sankt Paul, Andreas Hofmann. „Als wir 2005 mit dem Tafelbetrieb angefangen haben, waren es nur 60 Bedarfsgemeinschaften.“ Die Erfahrungen von Sankt Paul macht mittlerweile jede Tafel in Deutschland. Immer mehr Menschen haben so wenig Geld zur Verfügung, dass sie auf solche wöchentlichen Lebensmittelspenden angewiesen sind.

Allein in Berlin versorgt die Tafel 125.000 Menschen mit Nahrungsmitteln. 550 Tonnen Lebensmittel werden monatlich an den 45 Ausgabestellen der Stadt verteilt. 300 Berliner Unternehmen unterstützen die Einrichtung mit Spenden.

Immer mehr Aufstocker kommen vorbei

Rentner, Studenten, Asylbewerber, aber zum größten Teil Hartz IV Empfänger holen wöchentlich ihre Lebensmittelration ab. Nach Einschätzung der Tafel, aber auch nach dem persönlichen Eindruck des Pfarrers, kommen zunehmend Arbeitnehmer vorbei, die zwar ein Einkommen haben, das aber längst nicht mehr zum Leben reicht. Wie viele es inzwischen sind, weiß die Tafel nicht, da sie unter die große Gruppe der Hartz IV Empfänger fallen.

Um die Leistungen der Tafel in Anspruch nehmen zu können, darf das Einkommen einer Einzelperson 900 Euro im Monat nicht übersteigen. Mit den Aufstockern sei Pfarrer Hofmann „immer relativ großzügig, denn es sollte niemand bestraft werden, dass er arbeiten geht.“ Ob da jemand nun 50 Euro mehr verdiene, spiele da keine Rolle. „Es ist eine Schande, dass jemand eine Vollzeitstelle hat und von dem Ertrag seiner Arbeit nicht leben kann. Das ist meiner Meinung nach ein Skandal“, empört er sich, während er an den verschieden Regalen mit Brot und Joghurt vorbei geht. 15 Frauen und Männer arbeiten ehrenamtlich für die Tafel seiner Kirche, die nicht selten auch ihre Ration frisches Obst und Gemüse mit nach Hause nehmen. Pfarrer Hofmann kennt sie alle genau.

Froh, überhaupt eine Arbeit zu haben

Einer von ihnen ist Leiharbeiter und möchte seinen Name nicht nennen. Er bekommt beispielsweise 50 Euro mehr als er für die Tafel verdienen dürfte, aber der Pfarrer versteht seine schwierige Situation. Der Leiharbeiter arbeitet in einem Call-Center und erhält 5,94 Euro pro Stunde. Damit kommt er einfach nicht über die Runden. Nach eigenen Aussagen sei aber er zufrieden, überhaupt einen Job zu haben.

Neben ihm empört sich Anneliese Schulz, die inzwischen den anfallenden Müll beiseite schafft, dass die Arbeiter mittlerweile jede Arbeit annehmen müssten. „Inzwischen“, so sagt sie, „werde die Tafel überstrapaziert. Der Staat und die Arbeitgeber verlassen sich darauf, dass wir hier Essen ausgeben.“

Wenn man sich den rasanten Anstieg der Bedürftigen anschaut, muss man ihr Recht geben. In Berlin jedenfalls kann die Tafel den Ansturm kaum noch bewältigen.

 
 

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