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Lidl fordert Mindestlohn für den Einzelhandel

Der Boom der Lebensmittel-Discounter ist vorerst vorbei. Die ersten Umsatzeinbußen seit Jahren stimmen den Chef der Lidl-Muttergesellschaft Schwarz, Klaus Gehrig, offenbar nachdenklich. In einem Brief an den Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel, der auch der Financial Times Deutschland vorliegt, schreibt er: Im Einzelhandel müssen „unbedingt Mindestlöhne eingeführt werden“, um den „Missbrauch von Lohndumping, der auch vereinzelt im Handel zu sehen ist“, zu unterbinden. Bislang ist Lidl nicht gerade als besonders sozialer Arbeitnehmer aufgefallen. Entsprechend groß ist die erste allgemeine Verwunderung über diesen Vorstoß und die mediale Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird.

Ernstes Anliegen oder Marketing-Manöver?
„Wenn Lidl die Ankündigung, sich für einen Branchenmindestlohn im Handel starkzumachen, ernst meint, ist das prinzipiell zu begrüßen", erklärte die für den Handel zuständige stellvertretende ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raane gegenüber der Financial Times Deutschland. Um nun davon auszugehen, dass Lidl ernsthaft an einem Mindestlohntarifvertrag interessiert ist, lässt Gehrigs Brief zu viele Fragen offen: Was meint der Lidl-Chef, wenn er von vereinzeltem „Missbrauch von Lohndumping“ spricht? Gibt es für ihn auch einen korrekten Gebrauch von Lohndumping? Dann ließe sich schon erahnen wie hoch, oder besser, wie niedrig der Mindestlohn ist, den Gehrig sich vorstellt. Noch wirkt der Vorstoß vor allem wie ein Marketing-Manöver, mit dem der Discounter sein ramponiertes Image aufpolieren möchte.

Vielleicht hat der Konzern jedoch auch realisiert, dass der in der Branche herrschende Unterbietungswettbewerb den beteiligten Unternehmen auf Dauer an die Substanz geht und nicht ewig fortgeführt werden kann. Von der grundsätzlichen Notwenigkeit eines allgemeinverbindlichen Tarifvertrags ist auch die ansonsten nicht als arbeitnehmerfreundlich bekannte Financial Times Deutschland überzeugt: „Das im Jahr 2000 begonnene Experiment, die Allgemeinverbindlichkeit des Tarifvertrags zu beenden, muss als gescheitert betrachtet werden“, schreibt die Wirtschaftszeitung und beklagt „unwürdige Zustände“ in Teilen der Branche.

Dumpinglöhne einfrieren?
Sollte Lidl jedoch einen Branchenmindestlohn mittragen, der über den im eignen Haus gezahlten Entgelten liegt, wäre das eine weitere handfeste Überraschung. Wahrscheinlicher ist, dass es dem Konzern darum geht, die Löhne auf niedrigstem Niveau einzufrieren, um in Zukunft nicht selbst unterboten zu werden. Mit einem Mindestlohn unter 7,50 Euro pro Stunde werden sich die Beschäftigten der Branche jedoch wohl kaum abspeisen lassen.



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