„Der Streik hat sich ausgezahlt“, freute sich der Vorsitzende der IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) Frank Wiesehügel Ende Oktober letzten Jahres. Mit ihrem ersten bundesweiten Ausstand hatten die Gebäudereiniger gerade einen neuen Tarifvertrag mit deutlichen Lohnerhöhungen erstritten. Nun kritisiert der IG BAU-Vorstand und damalige Verhandlungsführer, Frank Wynands, in einer Pressemitteilung: „Die Tariferhöhung taucht auf vielen Lohnabrechnungen überhaupt nicht auf. In weiten Teilen der Branche tun die Unternehmen so, als hätte es den Tarifabschluss nicht gegeben“. Den Unternehmen wirft er vor, die Beschäftigten „über den Tisch“ zu ziehen. „Besonders perfide“ sei, dass selbst der Branchenführer Piepenbrock die neuen Löhne verweigere, obwohl das Unternehmen sich noch während des Tarifkonflikts damit gebrüstet habe, weiterhin Tariflöhne zu zahlen.
Arbeitgeber: Tariflöhne nur für Gewerkschaftsmitglieder
Noch am selben Tag wehrte sich das Unternehmen aus dem niedersächsischen Osnabrück gegen die Vorwürfe. Zwar bestätigt Unternehmenschef Arnulf Piepenbrock, dass weiterhin die alten Tariflöhne gezahlt würden. Dabei sieht er sich jedoch im Recht und gibt den schwarzen Peter zurück. Da der Tarifvertrag noch nicht für allgemeinverbindlich erklärt worden sei, würden die neuen Tarife bisher nur IG BAU-Mitgliedern zustehen. Und die Gewerkschaft habe diese bisher jedoch nicht bekannt gegeben. Solange man nicht wisse, wem die neuen Tariflöhne zustehen, zahle man vorerst allen Mitarbeitern nur die alten. In der Vergangenheit war es in der Branche üblich gewesen, dass tarifgebundene Unternehmen auch ihren nicht gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten Tariflöhne zahlen. Laut Spiegel Online vermutet die IG BAU hinter dem neuen Vorgehen den Versuch Personalkosten einzusparen.
Mindestlohnverordnung „so rasch wie möglich“
Auch über eine Erhöhung des Arbeitspensums versuchen Arbeitgeber offenbar die im letzten Jahr beschlossenen Tariferhöhungen zu neutralisieren. Gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung beklagte der Leiter des IG BAU-Bezirksverbands Westfalen, Jürgen Czech, die Beschäftigten müssten nun oft in der gleichen Zeit mehr Fenster oder Hotelzimmer reinigen. Angesichts dieser Zustände bleibt nur zu hoffen, dass Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Mindestlohn für Gebäudereiniger wie versprochen „so rasch wie möglich umgesetzt“.

